Am 12. Juli laden die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern zum Wandelkonzert ins Schweriner Regierungsviertel ein. Die musikalische Tour führt ins Finanzministerium, ins Justizministerium und in den Plenarsaal des Landtages und verbindet Musik mit Lesungen.
Das Finanzministerium steht für die Welt der harten, auch monetären Fakten. Doch welchen Platz haben Träume in einer Gesellschaft? Wie lässt sich Gerechtigkeit denken und gestalten? Internationale Studierende der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin erinnern gemeinsam mit Festspielpreisträger Nils Mönkemeyer an Martin Luther Kings berühmte Rede »I Have a Dream« — und lassen ihre Bratschen mitten im Publikum erklingen.
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern: Herr Mönkemeyer, welche Gedanken bewegten Sie, als Sie für dieses Wandelkonzert zusagten?
Nils Mönkemeyer: Mein erster Gedanke war tatsächlich: Was habe ich mit dem Finanzministerium zu tun? Und gleich darauf: Was bedeutet Geld eigentlich für eine Gesellschaft? Zunächst wirkt ein solcher Ort vielleicht etwas abstrakt. Ich selbst komme aus einem sehr liberalen Elternhaus und habe Geld nie in erster Linie als etwas verstanden, das man vermehren muss, sondern eher als Mittel zum Zweck.
Wenn man aber weiter darüber nachdenkt, steht das Finanzministerium für eine große gesellschaftliche Verantwortung. Es geht darum, Strukturen zu schaffen, die ermöglichen, dass Menschen sich nicht ständig sorgen müssen, dass ein Sozialsystem funktioniert und dass möglichst viele Menschen gut leben können. Gerade deshalb fand ich die Idee, an diesem Ort Musik zu machen, sehr inspirierend.
Mich interessiert dabei der Gedanke, dass jede einzelne Person Verantwortung für die Gesellschaft trägt und zugleich von ihr abhängig ist. Von dort aus kamen wir auf Martin Luther Kings Rede. Sie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass gleiche Chancen für alle ein Traum sind, den man nicht aufgeben darf. Und bemerkenswerterweise gibt es in dieser Rede auch einen Abschnitt, der sich ausdrücklich mit finanzieller Gerechtigkeit beschäftigt.
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern: Warum kamen Sie auf die Idee, Ihre Studierenden in das Programm einzubeziehen?
Nils Mönkemeyer: Der Titel des Wandelkonzerts lautet »Ich & Wir«. Für mich steckt darin auch die Frage nach Zukunft. Deshalb wollte ich dieses Programm unbedingt mit Studierenden gestalten. Sie bringen unterschiedliche Perspektiven, Biografien und Erfahrungen mit: Eine Musikerin hat deutsch-japanische Wurzeln, ein Student russische, eine weitere finnische.
Alle bringen ihre eigene Vorstellung davon mit, was Gesellschaft sein kann und wovon man für sie träumt. Genau das gehört für mich in dieses Programm. Das Finanzministerium verkörpert zunächst Realität, Verwaltung, Verantwortung und konkrete Strukturen. Aber die Frage ist: Wo bleiben inmitten dieser Realität unsere Träume?
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern: Wie fanden Sie zur Auswahl der Musikstücke?
Nils Mönkemeyer: Wir beginnen mit einem kurzen Stück von Lully, das ich wegen seines Rhythmus ausgewählt habe. Es ist ursprünglich ein kurzer Chorsatz für Frauenchor, den wir für Bratschen bearbeitet haben. In seinem Puls hörte ich eine Art Entsprechung zu den Worten »I have a dream«. Ich suchte nach einer unbewussten Verbindung von Sprache und Musik — nach einer musikalischen Übersetzung dessen, was wir aussprechen.
Die weiteren Stücke haben die Studierenden selbst ausgewählt. Jede und jeder bringt etwas mit, das zur eigenen musikalischen Persönlichkeit passt. Zum Schluss spielen wir ein Stück, das für mich fast wie Filmmusik zu einem Schwarzweißfilm klingt. Es hat Schmelz, aber auch etwas Modernes. Man könnte sich vorstellen, dass am Ende von »Vom Winde verweht« Vivien Leigh dasteht: Alles ist schwierig, nichts läuft, aber sie sagt: »Tomorrow is another day.«
Das ist auch mein persönliches Motto — für die Gesellschaft und für mich selbst. Wir haben überall Probleme, aber Musik kann Hoffnung ausdrücken. Die Herausforderung besteht darin, das nicht abstrakt werden zu lassen. Ob es gelingt, wird sich im Konzert zeigen.
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern: Vier Bratschen — was ist das Besondere an dieser Besetzung?
Nils Mönkemeyer: Vier Bratschen ergeben einen sehr warmen, einhüllenden Klang. Die Bratsche hat für mich etwas Umarmendes. Ihr Klang liegt oft zwischen den Stimmen, nicht ganz im Vordergrund, aber immer mit großer Tiefe und Wärme. Gerade deshalb passt sie sehr gut zu einem Programm über Träume.
Festspiele Mecklenburg-Vorpommern: Warum sollte man das Wandelkonzert besuchen?
Nils Mönkemeyer: Ein großer Reiz besteht darin, Orte zu entdecken, an die man sonst kaum gelangt. Man kann einfach die Musik genießen, sich aber auch von der Verbindung aus Ort, Text und Klang mitnehmen lassen. Man erlebt Räume, in denen Gesellschaft mitgeformt wird, und nähert sich den damit verbundenen Fragen auf eine Weise, die im Alltag so kaum passiert.
Das Schöne an diesem Konzept ist die Mischung: drei unterschiedliche Orte, eigens dafür entwickelte kurze Programme, Spaziergänge dazwischen, Begegnungen mit Musik und Text. Dadurch entsteht etwas Leichtes, Bewegliches und Buntes — und zugleich eine besondere Möglichkeit, über das Verhältnis von Ich und Wir nachzudenken.
Zur Person:
Der Bratschist Nils Mönkemeyer ist den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern eng verbunden, 2021 prägte er als Preisträger in Residence den Festspielsommer. Er ist als Solist bereits mit Orchestern wie dem Tonhalle-Orchester Zürich, der London Philharmonic, der NDR Elbphilharmonie und der Tokyo Symphony aufgetreten. Sein Violastudium absolvierte er in Hannover, München und Salzburg und ist seit dem Sommersemester 2025 Professor für Viola an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin.
